Juli 12

Unterwegs zwischen Grenzen von Ralf Grabuschnig

Ralf Grabuschnig macht sich auf in die Grenzgebiete Europas, wo Kulturen und Sprachen von Minderheiten mehr oder minder gut überlebt haben. „Unterwegs zwischen Grenzen“ ist ein Reisebericht, der die historischen Entwicklungen, die zu diesen interessanten Konstellationen geführt haben, den heutigen Begebenheiten gegenüberstellt.

Der Stil ist dabei locker und humorvoll, wobei viel von der Persönlichkeit des Autors rüberkommt. Das bedeutet jedoch nicht, dass er sich vor den schwierigen Themen – seien es die zahlreichen Bevölkerungswanderungen im Mittelalter oder Verfolgungen im Nationalsozialismus – scheut.

Der Autor trifft dabei auf viele Angehörige dieser Minderheiten und Forscher:innen, die sich mit ihnen beschäftigen. Dadurch bekommen wir als Leser:innen nicht einfach nur den Blick von außenstehenden Personen mit, sondern erfahren auch viele Dinge, die den Menschen selbst wichtig sind, zum Beispiel ihr rechtlicher Kampf um Anerkennung als Minderheit oder die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die ihre Kultur bedrohen.

Mein einziger Kritikpunkt ist die Balance zwischen dem humorvollen Reisetagebuch und den historischen Fakten. Jedes Gebiet, das besucht wird, ist faszinierend genug für eine viel längere Abhandlung und ich hätte gerne mehr der Geschichte oder Interviews mit Expert:innen und Angehörigen dieser Minderheiten gelesen.

Andererseits schafft es das Buch dadurch auch, in wenigen Seiten sehr viele faszinierende Gruppen und Menschen vorzustellen, von denen ich vorher noch nie gehört habe. Für einen Überblick über die fünf vorgestellten Minderheiten lohnt es sich allemal.

Dezember 7

Behindert und stolz von Luisa L’Audace

Ableismus, also strukturelle Diskriminierung und Unterdrückung von behinderten Menschen, ist ein Thema, das die Mehrheitsgesellschaft nicht auf dem Schirm hat. Wie genau Ableismus definiert ist, wie er sich im Alltag äußert und warum es ein Fehler ist, das Thema zu ignorieren, stellt Luisa L’Audace anfänger:innenfreundlich, aber tiefgreifend in diesem Buch dar.

Als Stil ist dabei eine Mischung aus Anekdoten aus ihrem Leben und sachlichen Erklärungen gewählt worden. Da viele Nicht-Behinderte sich das Leben eines behinderten Menschen nicht realistisch vorstellen können, sind diese Erinnerungseinblicke ein guter Anfang, die die weiterführenden Definitionen und Ausführungen anschaulicher machen. Unter anderem wird auch darauf eingegangen, warum es überhaupt notwendig ist, seine Erfahrungen mit diesen Fachbegriffen zu beschreiben.

Dabei wird auch auf das Zusammenspiel von verschiedenen Marginalisierungen eingegangen. An weiteren Beispielen wird erläutert, inwiefern sie zusammenwirken können und warum Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Außerdem wird erklärt, was genau es mit den häufig zu Missverständnissen führenden Wörtern von „Privilegien“ und „Marginalisierungen“ auf sich hat, und warum es nicht undankbar ist, andere Leute auf ihr Fehlverhalten aufmerksam zu machen.

Dabei nimmt die Autorin nie ein Blatt vor den Mund, obwohl sie damit in Gefahr gerät, in die Schublade des „angry cripple“ gesteckt zu werden. Aber nicht nur auf dieses Vorurteil gegenüber behinderten Menschen wird eingegangen, es wird so gut wie jedes, was mensch schon einmal gehört oder sogar selbst ausgesprochen hat, unter die Lupe genommen – Unter anderem, dass behindertes Leben nicht lebenswert ist. Und dass es nicht nur darum geht, den Alltag diskriminierungsfrei über die Bühne zu kriegen, sondern in vielen Fällen um Leben und Tod, wird zusätzlich klar gemacht.

„Behindert und stolz“ ist ein Buch, das ich jeder Person ans Herz legen würde. Behinderte Menschen können davon profitieren, dass viele ihrer Erfahrungen geschickt in Worte gefasst werden, und nicht-behinderte sowieso davon, die Perspektive einer behinderten Person einzunehmen und die eigenen Privilegien mal gehörig zu hinterfragen.

Oktober 9

Urban Sketching ganz einfach von Antje Linker-Wenzel

Urban Sketching, was ist das überhaupt? Eine Frage, die sich wahrscheinlich viele stellen. Dieses Buch bietet nicht nur die Antwort auf diese Frage – es geht darum, mit Bleistift und Radiergummi bewaffnet seine Umgebung abzubilden, egal ob realistisch oder nicht -, sondern lädt Anfänger:innen ein, es selbst zu versuchen.

Was mich besonders angesprochen hat, ist, dass hier von Anfang an klargemacht wird, dass häufig weniger mehr ist: Es braucht keine tausend Utensilien und jahrelange künstlerische Ausbildung, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen.

Die Anleitungen zeigen Schritt für Schritt, wie sich ein Bild verändert, während der Begleittext erklärt, welche Techniken angewandt worden sind und warum das so dargestellt worden ist. Dadurch ist es leicht, die Verfahren zu verstehen und für sich selbst anzueignen.

Dabei wird eigentlich alles aufgegriffen, was mensch aus seinem Alltag abbilden wollen könnte: Gebäude von altbacken bis modern, Menschen in Bewegung oder herumsitzend, Tiere, Fahrzeuge, Straßenschilder…

„Urban Sketching ganz einfach“ vermittelt die Basics des Themas gut und ist dabei wirklich Anfänger:innen-freundlich, von den nachvollziehbaren Anleitungen bis zu den aufmunternden Worten, die die Angst vorm Scheitern lindern.

Oktober 9

Streicheln oder Schlachten von Marcel Sebastian

In „Streicheln oder Schlachten“ stellt Autor Marcel Sebastian die menschliche Beziehung zu nichtmenschlichen Tieren, hauptsächlich verkörpert durch die beiden Gegensätze der „Haus-“ und „Nutztiere“, dar. Aber auch der Zusammenhang mit der Klimakrise und Alternativmodelle für diese Beziehung bekommen ihren Platz eingeräumt.

Der Autor schafft es, auf vergleichsweise wenigen Seiten die komplizierte Situation mitsamt ihren historischen Hintergründen und den zukünftigen Konsequenzen, die folgen werden, wenn wir sie nicht ändern, realistisch abzubilden.

Auch dadurch, dass viele Themen nur angerissen werden können und die vielen Quellenangaben weitere Informationen versprechen, werden Leser:innen dazu animiert, sich noch tiefgehender mit dem Thema auseinanderzusetzen – Eine Empfehlung, die auch im Buch selbst so ausgesprochen wird.

Aber nicht nur die harten Fakten werden angesprochen, es gibt auch Vorschläge, wie wir unsere eigene Sichtweise kritisch hinterfragen und die gesellschaftlichen Zusammenhänge ändern können. Besonders gefreut hat mich dabei, dass es in dem Abschnitt nicht um reine Konsum- und Wahlentscheidungen geht.

Ich kann dieses Buch bedenkenlos jeder Person empfehlen, die einen informativen und trotzdem angenehm zu lesenden Überblick über unseren Umgang mit nichtmenschlichen Tieren bekommen möchte.

Juni 25

Irgendwann geht auch das vorbei von Pamela Rußmann

Nachdem die Pandemie der Fotografin und Journalistin Pamela Rußmann die normale Berufsausübung unmöglich gemacht hat, hat sie sich zu einem ungewöhnlichen Experiment entschieden: Interviews und Fotoshootings über die Webcam mit zahlreichen Frauen, die von ihrem Leben in der Corona-Zeit berichten.

Dadurch, dass die meisten Fotos während der Lockdowns in den Wohnungen der Frauen geschossen und sie während einer emotional aufwühlenden Zeit porträtiert worden sind, sind sie sehr persönlich und berührend.

Einige der Frauen sind auch nach einigen Monaten erneut interviewt worden, sodass die Veränderungen im Leben und Denken über das Jahr, in dem die Pandemie zu dem Zeitpunkt die Welt beherrscht hat, deutlich werden.

In den hier gebotenen Perspektiven können sich sicherlich die meisten Leute wiederfinden. Trotzdem fällt auf, dass die meisten Interviewpartnerinnen Frauen mit kreativen Berufen zwischen 30 und 50 sind, sodass ich einige abweichende Sichtweisen vermisst habe.

Insgesamt ist hier ein gelungenes Porträt unserer Zeit gelungen, das sowohl Menschen, die sie selbst durchleben oder durchlebt haben und denen, die zukünftig kommen, etwas bieten kann.

Juni 16

Der Kalte Krieg der Generationen von Johannes Pantel

Inzwischen ist allgemein bekannt, dass es in naher Zukunft immer mehr alte Menschen in Deutschland geben wird. Da bleibt Panik vor dem Versagen des Rentensystems und den steigenden Pflegekosten bei einem jetzt schon maroden Gesundheitssystem nicht aus.

Im Gegensatz zu den aufmerksamkeitsheischenden Kommentaren und Artikel zu dem Thema, die den kompletten Zusammenbruch der Gesellschaft infolge einer „Überalterung“ prophezeien oder sogar davon sprechen, dass „die Alten“ gar keinen ruhigen Lebensabend mehr verdient haben, weil sie „den Jungen“ die Klimakrise eingebrockt hätten, wird das Thema hier sehr differenziert und ohne Schuldzuweisungen beleuchtet.

Beim Einstieg helfen zum Beispiel die Statistiken, in denen gezeigt wird, dass tatsächlich in naher Zukunft der Anteil der über 67-Jährigen stark ansteigen wird, und ein grober Überblick darüber, in welche Generationen die Menschheit normalerweise eingeteilt wird – samt dem Hinweis, dass die Übergänge fließend sind und mensch sich hüten sollte, Stereotypen für bare Münze zu nehmen und seine Vorurteile nicht zu hinterfragen.

Besonders eingegangen wird außerdem auf die momentane Coronakrise, infolge derer es immer wieder zu erschreckenden Überlegungen in Richtung einer Triage kommt, die alten Menschen ein geringeres Recht auf Leben als jüngeren zuspricht. Es werden aber auch andere Krisen, die sich am Horizont abzeichnen, wie der Klimawandel und die Herausforderungen, die auf das deutsche Rentensystem zukommen, einbezogen, was umso deutlicher macht, wie wichtig es ist, es eben nicht zu einem Krieg der Generationen kommen zu lassen.

Allerdings werden nicht nur Probleme aufgezeigt und gesellschaftlich allgemein akzeptierte Vorurteile infrage gestellt, es werden auch Lösungsvorschläge angeboten. Dabei wird nicht so getan, als wäre ein Patentrezept gefunden worden, dem die Gesellschaft nur folgen muss, stattdessen werden verschiedene Ansätze vorgestellt und auch auf die Notwendigkeit, andere Formen der Diskriminierung wie Rassismus und Sexismus zu bekämpfen, eingegangen.

Juni 14

Schmalz und Rebellion von Jens Balzer

Die deutsche Musik hatte schon immer eine zwiespältige Haltung zu „ihrer“ Sprache. Wie sie sich seit den späten 40ern verändert und an einigen Stellen gerade nicht verändert hat, wird mit diesem Spaziergang durch die Jahrzehnte deutschsprachiger Popmusik beleuchtet.

Dabei wird auch auf die historischen und kulturellen Hintergründe eingegangen und es werden zum Beispiel das Lebensgefühl der Nachkriegszeit oder der DDR so verständlich beschrieben, sodass auch jüngeren Menschen die Verbindungen zur Musik klar werden.

Es werden allerdings nicht nur die Radiohits erwähnt, die jede Person, die zu der Zeit gelebt hat, kennt, sondern auch Musik abseits vom Mainstream, zum Beispiel in migrantischen Communities. Dadurch wird der Inhalt dem Untertitel des Buches, „Der deutsche Pop und seine Sprache“ gerecht, denn es werden auch diese unbekannteren Beispiele aufgezählt, deren Verbindung zur Sprache sehr interessant sind.

Sowieso wird immer sehr differenziert vorgegangen und es werden sowohl emanzipatorische, als auch reaktionäre Elemente der jeweiligen Musikrichtungen beschrieben. Verklärt wird hier nichts, stattdessen wird ein sachlicher, aber auch humorvoller Blick auf die Musikgeschichte geworfen.

Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es bietet eine detailreiche, aber nicht ausufernde Reise durch die Zeit und Genres und ist gleichzeitig unterhaltsam und informativ.

Mai 6

Einfach alles teilen? von Hofkollektiv Wieserhoisl

Die Mitglieder des Hofkollektivs Wieserhoisl berichten von ihrem Leben auf einem österreichischen Bauernhof, auf dem sie möglichst selbstversorgt und hierarchiefrei leben wollen. Dabei geht es viel um ihren Umgang miteinander, aber auch um ihre politischen Vorstellungen und die Vermittlung praktischen Wissens über Gemüseanbau und die Finanzierung eines solchen Projekts.

Mir hat vor allem gefallen, wie viele Themen hier angeschnitten werden und dass sich viele Kollektivmitglieder am Schreibprozess beteiligt haben. Dadurch bekommt mensch eine Vorstellung davon, wie das Leben auf dem Hof aus verschiedenen Perspektiven aussieht und dass die Menschen dort auch unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt haben.

Vor allem auch die Informationen darüber, welche Finanzierungsmethoden es gibt und wie große Bauarbeiten mithilfe des Bausyndikats umgesetzt werden, lassen den Traum vom eigenen Kollektiv plötzlich so nah erscheinen. Das Buch eignet sich einerseits dazu, einen Überblick darüber zu bekommen, wie sich das Leben auf dem Hof gestaltet, und andererseits, wie es selbst zu erreichen wäre.

Auch die Gestaltung des Buches hat mich direkt angesprochen. Das schön gezeichnete Cover und die interessante Farbwahl, die sich durch das gesamte Buch zieht, haben mir gut gefallen und auch die hochwertigen Farbfotos sind mir positiv aufgefallen.

Ein paar Fragen sind für mich aber trotz der Vielfalt der Kapitel noch nicht geklärt: Welcher Lohnarbeit gehen die Menschen nach und wie haben sie sie gewählt? Inwiefern können die Kinder mitbestimmen? Und wie ist die Entscheidung gefällt worden, trotz ansonsten weitgehend hierarchiefreien Leben nichtmenschliche Tiere zu „halten“?

Januar 18

Das große Buch der Collagen von Maria Rivans

Maria Rivans, eine geübte Collagenkünstlerin, stellt im Anfang des Buches einige ihrer Techniken und Collagen vor, darunter auch einige, die mit Materialien aus diesem Buch erstellt wurden und ein gutes Beispiel dafür bieten, was damit möglich ist.

Der Großteil des Buches besteht aus verwendbaren Bildern zu verschiedenen Themen, zum Beispiel Vintage-Fotos von Menschen, Schmetterlinge, Gebäude, bekannte Kunstwerke…

Menschen, die gerne Collagen im Retro-Stil erstellen, finden hier eine gute Auswahl von Bildern zu diversen Themen, ohne dafür lange im Internet oder in alten Magazinen kramen zu müssen.

August 11

Misogynie: Die Geschichte des Frauenhasses von Jack Holland

„In Misogynie: Die Geschichte des Frauenhasses“ bereitet der Journalist Jack Holland die tödliche Historie des Frauenhasses vom antiken Griechenland bis in die Neuzeit auf und untersucht dabei, was für die jeweiligen Vorurteile gesorgt hat und wie sie durch Gesetze und Verhaltensweisen umgesetzt worden sind.

Er berichtet darüber, dass die Misogynie schon die Anfänge der „westlichen Welt“ durchzogen hat, als Plato und Aristoteles philosophische Begründungen dafür gesucht haben, dass sie Frauen praktisch  als missgebildete Männer gesehen haben. Auch in der griechischen Mythologie selbst ist Pandora und damit die Frau der Ursprung allen Übels, der den Mann seiner Autarkie beraubt und ihn damit erniedrigt.

Immer wieder geht der wissenschaftliche Fortschritt einer Zivilisation einher mit Frauenverachtung, für die ständig neue Begründungen gefunden werden: Erst philosophisch und religiös, später auf biologischer Basis. Die Methoden und Argumentationsstrukturen ändern sich, aber der Hass auf die „Anderen“ bleibt.

Holland geht auf die politischen und kulturellen Unterschiede der Völker ein und wie sie die Rolle der Frauen in den jeweiligen Gesellschaften beeinflussen. Doch der erschreckende rote Faden, der sich durch die komplette Geschichte zieht, ist, dass die Unterdrückung der Frauen mal stärker und mal schwächer war, aber nie ganz aufgehört hat.

Für mich besonders überraschend und erschreckend war, welche Auswirkungen diese Sichtweise auch heutzutage noch hat, wenn Tausende von Frauen jährlich durch christliche Abtreibungspolitik sterben oder die USA und Europa die Misogynie ihrer verbündeten Länder stillschweigend hinnehmen und den dort lebenden Frauen damit das Leben zur Hölle machen.