Juni 10

Idol in Flammen von Rin Usami

Akaris Welt dreht sich nur um ihr Idol Masaki, der in einer berühmten Band spielt. Während ihr eigenes Leben immer mehr aus den Fugen gerät, steigert sie sich weiter in die Selbstaufgabe und Anbetung hinein – Selbst, als er einen Fan geschlagen haben soll.

Obwohl die Protagonistin sich in einer Situation befindet, die ich so nie erlebt habe, konnte ich ihre Gefühle und Probleme sehr gut nachvollziehen. Durch ihren detailliert ausgearbeiteten Charakter und den Schreibstil, der alles direkt aus ihrer Perspektive berichtet, fühlt mensch schnell mit ihr mit.

Auch die anderen Figuren haben ihre Probleme, die wir durch Akaris Augen wahrnehmen, weshalb wir immer wieder Einblicke darein bekommen, wie sie ticken. Dadurch wirken sie alle extrem menschlich, sogar der Popstar Masaki, mit dem sie im Verlauf des Romans nie wirklich interagiert.

Das Buch zeigt sehr deutlich, wie sich die Musikindustrie in Japan die Idolkultur zunutze macht und sie weiter ausbaut, zum Beispiel, indem sich Fans mehrere CDs kaufen sollen, um in Beliebtheitswettbewerben zwischen Bandmitgliedern mehrmals für ihr Idol abstimmen zu können. Doch das macht es nie mit erhobenen Zeigefinger, sondern immer durch die Augen von Akari.

Dabei wird auch deutlich gemacht, dass es nicht einfach ihr Fansein ist, das ihr Leben so zerstört, sondern dass sie einen Grund dafür hat, sich bis zur Selbstaufgabe in diese Parallelwelt zu flüchten, um ihrem Alltag und den Menschen, die sie nicht verstehen, zu entfliehen.

Januar 26

Salomés Zorn von Simone Atangana Bekono

Salomé hat das Gefühl, ihr Leben endgültig in den Sand gesetzt zu haben. Nicht nur im Gefängnis ist sie gefangen, sondern auch im Strudel ihrer Erinnerungen an mit ihrer Familie verbrachte Tage in ihrem Haus in den Niederlanden oder bei der Verwandtschaft in Kamerun und Rassismuserfahrungen in der Schule.

Das Buch liest sich sehr persönlich. Wir lernen Salomés innerste Gedanken kennen, ihre Ängste, Selbstzweifel und natürlich auch ihre Wut. Der Schreibstil, der in der Ich-Perspektive gehalten ist, und die prägnanten Sätze unterstreichen das. Vor allem die Szenen, in denen sie träumt oder Halluzinationen im Fieberwahn hat, haben mich sprachlich beeindruckt, weil die Sprache auch der Logik dieser Situationen gefolgt ist.

Stück für Stück dringen Salomé und wir zum Kern der Sache vor, dem Grund, warum sie eingesperrt worden ist. Und auch diese Szenen sind von ihrer persönlichen Einschätzung geprägt, nicht von der einer neutral beobachtenden Person. Wir bekommen mit, wie sie es sich fast anders überlegt hätte, wie sie es dann doch nicht auf sich sitzen lassen konnte, und dass sie es nicht bereut.

Aber auch die anderen Mitglieder ihrer Familie lernen wir kennen, samt ihrer Reaktionen zu Salomés Verhaftung. Sie sind allesamt realistische Figuren mit ihren Schwächen, die die Geschichte umso realer erscheinen lassen, ebenso wie die anderen Insassinnen im „Donut“, wie das Gefängnis genannt wird.

„Salomés Zorn“ nähert sich schwierigen und allumfassenden Themen, wie Rassismus, Ausgrenzung und dem Gefängnis-System, auf sehr persönlicher Ebene und macht ihre Auswirkungen dadurch umso deutlicher. Ein eindrücklicher und berührender Roman, der einen auch durch sein offenes Ende noch lange begleiten wird.

Oktober 22

Jeder und die Anderen von Maximilian Böhm

Wie so viele Menschen ist der Protagonist auf der Suche nach der Wahrheit. Im Gegensatz zu den meisten wagt er jedoch, einen Schritt weiterzugehen, sein altes Leben hinter sich zu lassen und sich nach seinem Sprung ins Unbekannte treiben zu lassen.

Dabei trifft er auf die verschiedensten Leute und hört sich an, wie und ob sie ihre Wahrheit gefunden haben. Durch ihre individuellen Geschichten, die Art, wie sie sich mitteilen und auch ihren Dialekt heben sich diese Menschen voneinander ab und so gleicht kein Abschnitt dem Anderen.

Manche sind felsenfest davon überzeugt, dass sie den Sinn ihres Lebens gefunden haben, andere sind noch selbst auf der Suche. Und auch, wohin seine eigene Suche den Protagonisten am Ende des Buches führt, ist stimmig und rundet die Handlung perfekt ab.

Besonders gefallen hat mir, wie natürlich und ungezwungen diese Begegnungen zustande kommen. Es ist leicht vorstellbar, dass mensch selbst solche Gespräche mit Fremden führen könnte, wenn mensch sich die Zeit nehmen würde und ein offenes Ohr hätte.

„Jeder und die Anderen“ ist nicht nur eine Reise durch Raum und Zeit, sondern auch eine in das eigene Innenleben. Es zeigt auf, was wir in diesen Zeiten nicht häufig sehen: Dass jeder Mensch Teil eines Ganzen ist und auch Geschichten, die nicht glamourös genug für eine Social Media-Präsenz sind, es wert sind, erzählt zu werden.

April 6

Aibohphobia von Kurt Fleisch

Zuerst einmal sollte gesagt werden, dass ein Klappentext diesem Buch nicht wirklich gerecht werden kann. Ja, es geht um den Briefkontakt eines Psychiaters mit seinem Patienten, während dessen immer unklarer wird, was real ist und was nicht und wer hier wirklich verrückt ist. Den Kern der Sache zu treffen, ohne zu viel zu verraten, ist aber nicht so einfach möglich.

Das Buch besteht aus den von Dr. H geschriebenen Briefen, aus denen allerdings auch klar wird, was Herr S. geantwortet hat – oder zumindest, wie Dr. H diese Antworten aus seiner Sichtweise als Arzt interpretiert hat, was später noch wichtig wird. Dadurch ist der Lesefluss angenehm und lückenlos.

Was mir auch gefallen hat, ist der humorvolle und lockere Schreibstil. Ja, Dr. H wirft mit Fachausdrücken um sich, aber das hindert den ironischen Humor nicht daran, durchzuscheinen und das Leseerlebnis sehr unterhaltsam zu machen.

Vor allem das Ende hat es in sich und es ist einer dieser Aha-Momente, bei dem mensch die zurückliegenden Ereignisse plötzlich in einem ganz anderen Licht sieht und bei dem sich neue Interpretationen der geschriebenen Sätze ergeben.

Meine anfänglichen Erwartungen wurden ganz und gar nicht bestätigt, doch in diesem Fall ist das etwas Gutes. Mich hat das Buch mehr begeistert, als ich anfänglich gedacht hätte und ich kann definitiv eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen!

Januar 28

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Als der Analyst Joe Haak in dem Fischerdorf St. Piran angespült wird, stellt er das Leben der kleinen Gemeinde komplett auf den Kopf. Doch nicht einmal seine beruflichen Fähigkeiten reichen aus, um vorherzusehen, welche Auswirkungen sein Erscheinen haben wird.

Es fällt mir schwer, über dieses Buch zu schreiben. Objektiv betrachtet stimmt es, dass nicht viel passiert und es keinen wirklichen Spannungsbogen gibt, trotzdem hat es mich die ganze Zeit über gefesselt. Vielleicht, weil es mal eine ganz andere Sicht auf die „Apokalypse“ bietet. Oder, weil wir uns gerade in einer ziemlich ähnlichen Situation befinden wie die Charaktere, obwohl das Buch ursprünglich schon 2015 veröffentlicht worden ist.

Was mir besonders gefallen hat, sind die verschiedenen Figuren. Sie heben sich voneinander ab, ohne irgendwelche übertriebenen Charaktereigenschaften zur Schau zu stellen. Es sind einfach normale Menschen und wahrscheinlich kennt jede Person Leute, die ihnen ähneln.

Die Handlung ist ebenfalls ungewöhnlich für das Setting: Weder zu einem beschaulichen Roman, der in einem kleinen, englischen Dorf spielt, in dem jeder jeden kennt, noch zu einer Geschichte über ein mögliches Weltuntergangsszenario will sie wirklich passen, und das macht den Reiz aus.

„Der Wal und das Ende der Welt“ hat mich überrascht. Ich hatte von Anfang an keine Ahnung, wie die Handlung verlaufen konnte und war bis zum Ende gespannt, was passieren würde.

Januar 10

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Als Nora Seed in ihrem Leben keinen Ausweg mehr sieht, beschließt sie, Selbstmord zu begehen. Stattdessen wacht sie in der sogenannten „Mitternachtsbibliothek“ auf, in der sie die Chance hat, zahlreiche Leben auszuprobieren, in denen ihr alternatives Ich andere Entscheidungen getroffen hat.

Diese Idee hat mich direkt gefesselt. Wahrscheinlich hat sich jede Person schon gefragt, wie sich ihr Leben entwickelt hätte, wenn sie nur diese eine Sache – egal ob groß oder klein – anders gemacht hätte. Matt Haig führt diesen Gedanken weiter und spielt damit, indem er zahlreiche Facetten von Noras Charakter aufgreift und daraus neue Leben für sie erfindet, die sich allesamt realistisch anfühlen.

Noras Verzweiflung ist von Anfang an gut nachzuvollziehen und ihre Reaktion auf die bizarre Situation ist es ebenfalls. Sie bleibt auch im Verlauf des Buches sehr sympathisch und die Veränderung ihrer Weltsicht wird realistisch, aber leider auch vorhersehbar beschrieben.

Sowieso wirken die Einsichten, die sie auf ihrer Reise hat, nicht unbedingt tiefgründig. Logisch ist wohl jeder Person klar, dass sich Leid nicht verhindern lässt, selbst wenn mensch die perfekten Entscheidungen trifft, hier wird es praktisch wie die Erkenntnis schlechthin dargestellt. Das hat mich allerdings nicht stark gestört, weil es trotz allem etwas Anderes ist, das zu wissen und es zu fühlen, wie Nora es hier eindrucksvoll tut.

Der Autor beweist auf jeden Fall, dass er seine Figuren gut kennt und es ist spannend, zu lesen, wie sie sich in den unterschiedlichen Leben verändert haben. Ihre grundlegenden Charakterzüge bleiben dabei gleich, aber es wird eindrücklich gezeigt, wie auch vermeintlich kleine Entscheidungen große Konsequenzen haben können.

September 6

Lilys Engelskostüm hat kaputte Flügel von Hanna-Linn Hava

„Lilys Engelskostüm hat kaputte Flügel“ erzählt die Lebensgeschichte der titelgebenden Lily aus deren Sicht: Sie berichtet von ihrer Kindheit, einem einschneidenden Erlebnis in einem Ferienlager, das ihr Leben für immer verändert hat, und von dem Ende, das sie für sich voraussieht.

Auch wenn sich das oberflächlich nach einer typischen Teenie-Geschichte anhört – Immerhin ist die Protagonistin eine Teenagerin – hält sich dieses Buch gar nicht an solche Regeln, was an Lilys Art, zu denken liegt.

Sie analysiert und kritisiert ihre Umgebung und damit auch ihre eigenen Gedanken und Verhaltensweisen schonungslos ehrlich und deckt damit zahlreiche Schwächen und Unsinnigkeiten in unserer Gesellschaft auf, was ihre Denkweise häufig harsch, durch ihre Zynismus aber auch lustig erscheinen lässt.

Das Ganze liest sich wie ein Tagebucheintrag, was einen einerseits mehr mit Lily mitfühlen lässt, die den Leser auch gerne mal direkt anredet, anfangs noch ziemlich abwertend, nach einiger Zeit sogar fast schon dankbar, andererseits gibt es auch viele Gedankensprünge, die einen ein bisschen aus der Story herausholen.

Insgesamt wird hier dargelegt, wie Lily sich, ihre Umwelt und die Beziehung zwischen diesen beiden, häufig gegensätzlichen Welten sieht und wie sie zu den Ereignissen am Schluss der Geschichte gelangt, über den ich nur noch verrate, dass er mich eigenartig berührt hat, um nicht zu viel vorweg zu nehmen.