Dezember 14

Andere Himmel von China Miéville

„Andere Himmel“ ist eine Sammlung von 14 Kurzgeschichten, die von Horrorstorys über ein Kinderparadies in einem gewissen Möbelhaus über ein Fenster, das die namensgebenden anderen Himmel zeigt bis zum wahren „Teufel im Detail“ gehen. Es gibt sogar eine, die in Miévilles bekanntem New Crobuzon spielt und einen der Nebencharaktere weiter mit Leben füllt.

Es ist ein bisschen ungewohnt, so kurze Geschichten von Miéville zu lesen und im Gegensatz zu seinen längeren Romanen zeichnen sich diese auch durch eine einzige, zentrale Idee aus im Vergleich zum üblichen Sammelsurium aus verschiedensten Einfällen, die alle in einem Universum nebeneinander existieren und eigentlich wirklich für eine eigene Geschichte gereicht hätten – wie hier bewiesen wird.

Normalerweise holt mich (geschriebener) Horror nicht so leicht ab, aber bei einigen der Storys hier hatte ich fast schon eine Gänsehaut. Alleine deshalb sticht dieses Buch für mich schon aus der Masse heraus. Dazu kommt, dass es bis auf eine Ausnahme keine typischen Geistergeschichten gibt und es häufig eher das Konzept dahinter ist, das einem Angst einjagt, nicht die Gefahr für das Leben der Figuren.

Eigentlich hat mich besonders die Geschichte um Jack Gotteshand interessiert, im Nachhinein muss ich aber sagen, dass ich keinen wirklichen Favoriten finden kann. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass sie so unterschiedliche Emotionen hervorrufen: Grusel (wie in Details), Ekel (wie in Faktotum), Wut (wie in Die Hungernden speisen) oder sogar Belustigung (wie in Eia Weihnacht).

Es gibt in der kompletten Sammlung keine Geschichte, die mich nicht überzeugt und unterhalten hätte. Erst war ich skeptisch, ob sich Miévilles Ansätze in Kurzgeschichten übersetzen lassen, aber diese Skepsis ist wie weggeblasen. Trotzdem finde ich, dass Kurzgeschichten nicht ausreichen, um die Vorteile seines Stils wirklich hervorzuheben.

Oktober 15

Moloch von Paul di Filippo, China Miéville, Michael Moorcock und Geoff Ryman

„Moloch“ ist eine Sammlung von vier Kurzgeschichten bekannter Fantasy-Autoren. Dabei wandern wir von einer linearen Welt, in der die Stadt nur in zwei Hälften – „gleiswärts“ und „flusswärts“ – geteilt ist über eine, in der die Wesen hinter den Spiegeln rebellieren und eine, die sich im ständigen Krieg mit wechselnden Fronten befindet bis zu einer, in der eine Gruppe von RentnerInnen Leute überfällt.

Die erste Geschichte trifft das Thema der Anthologie (Städte) perfekt. Die beschriebene Welt ist fremdartig und faszinierend, aber wir sind nur kurz zu Gast da. Die Zeit reicht allerdings, um einen interessanten Einblick zu bekommen und die Charaktere kennenzulernen. Schön ist auch, wie der Protagonist uns in seine Welt einführt, ohne sie dabei einfach zu erklären.

In der zweiten schickt uns China Miéville wenig überraschend nach London und deutet dazu die Beziehung der Menschheit zu Spiegeln und die Mythen über Vampire kreativ um. Es kommt eine post-apokalyptische Stimmung auf und das Ende hält eine weitere Überraschung bereit.

Wie die meisten Rezensenten hatte ich so meine Probleme mit der dritten Geschichte, die wie eine zusammenhanglose Zusammenstellung von Dialogen zwischen Jerry Cornelius und seinen Bekannten wirkt. Zwar hat die Geschichte mich selbst nicht wirklich unterhalten, aber ich muss zugeben, dass sie mich neugierig auf den größeren Zusammenhang der anderen Jerry Cornelius-Bücher gemacht hat. In dieser Anthologie hat sie jedoch nicht wirklich etwas verloren.

Anders ist hingegen die vierte Geschichte. Die Prämisse eines Ermittlers, der versucht, einer Verbrecherbande auf die Spur zu kommen, ist zwar nicht besonders einzigartig, das Setting in einem Altersheim, in dem die Bewohner ständig überwacht werden, schon. Der Protagonist (und Antagonist, ohne zu viel verraten zu wollen) hat ebenfalls eine angenehme Abwechslung dargestellt.

Juni 21

Der Krake von China Miéville

Was anfängt wie ein halbwegs normaler Kriminalroman – Es beginnt mit dem Diebstahl eines riesigen Tanks samt präpariertem Krake aus einem Museum – entpuppt sich schnell als eine verrückte Reise in ein London, das mit dem unserer Welt nur noch oberflächlich etwas zu tun hat.

Nach und nach verstrickt sich Billy Harrow, der Präparator des Kraken, in die Intrigen dieser magischen Welt, und obwohl er anfangs noch heillos überfordert ist, wird ihm und dem Leser langsam immer mehr über die Mechanismen Londons und die Gestalten, die sich darin tummeln, klar.

In dieser Welt liegt eine klare Stärke des Buches, denn was für einen anderen Autor das Highlight seines Worldbuildings gewesen wäre, ist hier nur ein Teil des Ganzen, sodass das ganze Buch vor kreativen Einfällen, die in seiner eigenen Logik Sinn ergeben, praktisch überquillt.

Nicht nur Billy wird von Erkenntnis zu Erkenntnis gehetzt, zahlreiche Verfolger ständig auf seinen Fersen, auch dem Leser wird keine Zeit gelassen, sich zu entspannen, dafür gibt es zu viele Plottwists, die in sich perfekt in das aufgebaute Gefüge eingliedern und dafür sorgen, dass die Spannung niemals abfällt.

Auch die Handlung an sich konnte mich überzeugen, denn sie ist genauso einzigartig wie das Setting und denkt nicht einmal daran, sich an Konventionen und bereits hunderte Male gelesene Schemata zu halten, sondern überrascht einen immer wieder aufs Neue.

Positiv aufgefallen sind mir auch die Nebencharaktere. Vom polizeilichen Berater Vardy, der seinem durch wissenschaftliche Erkenntnis abhanden gekommenen Glauben nachtrauert, über das Tattoo, einen Gangsterboss, der zur Strafe auf die Haut eines Unschuldigen gebannt wurde und diesen nur durch seine Worte unter die Kontrolle gebracht hat, bis hin zu Wati, der einst erschaffen wurde, um einem ägyptischen Adeligen nach dessen Tod zu dienen und nun eine Gewerkschaft für magische Vertraute ins Leben gerufen hat, haben all diese Persönlichkeiten ihren eigenen Charme und werden so schnell nicht in Vergessenheit geraten.

Im Gegensatz zu den anderen Charakteren bleibt der Protagonist wieder einmal etwas blass. Er ist ein vermeintlich unbeteiligter, durch dessen Augen der Leser blickt, um die Geschichte nach und nach zu verstehen, was mich persönlich aber nicht gestört hat, weil es genug Anderes gab, auf das ich mich beim Lesen einlassen konnte.

„Der Krake“ hat es wie kaum ein zweites Buch geschafft, mich von der ersten Seite an in seinen Bann zu ziehen und mich mit seiner regelrecht galoppierenden Story in eine Welt zu entführen, die wie für Miéville typisch ihresgleichen sucht. Definitiv ein neuer Liebling, den ich jedem empfehlen werde, der den Fehler macht, mir kurz zuzuhören.