Juli 10

Jene Tage, die verschwinden von Timothé Le Bouchers

Der angehende Akrobat Lubin muss plötzlich feststellen, dass er nur noch jeden zweiten Tag erlebt. Dazwischen übernimmt eine andere Persönlichkeit seinen Körper und als immer mehr Tage zwischen den Morgen, an denen er erwacht, vergehen, realisiert er, dass er verschwinden könnte.

Die Story nimmt sehr schnell Fahrt auf. Da mensch jedoch Lubin und seine Freund:innen und Verwandte auch schnell kennen- und lieben lernt, fällt das positiv auf. Mensch wird schnell in die Handlung hineingezogen und möchte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.

Der Zeichenstil ist klar und deutlich, was jedoch nicht am Mangel von Details liegt. Tatsächlich sind die Figuren und die Umgebungen, in denen sie sich bewegen, liebevoll mit Einzelheiten ausgestattet worden und vor allem die Aufführungen von Lubins Zirkustruppe haben mich mit ihrem Charme bestochen.

Besonders interessant wird die Handlung auch dadurch, dass mensch alles nur durch Lubins Augen sieht. Was seine andere Persönlichkeit in der Zwischenzeit macht, erfahren wir höchstens durch Nachrichten, die sie ihm manchmal hinterlässt. Dadurch wird mensch genauso orientierungslos wie Lubin selbst.

„Jene Tage, die verschwinden“ ist eine sehr berührende Geschichte, die mensch nicht so schnell vergisst. Zu lesen, wie Lubin dagegen ankämpft, verdrängt zu werden, und was das mit den Beziehungen zu den von ihm geliebten Menschen und zu seinem anderen Ich macht, ist bedrückend. Gleichzeitig gibt es auch immer wieder schöne Momente, wenn zum Beispiel seine Rückkehr gefeiert wird.

März 23

Nocterra Sammelband 1 von Scott Snyder

Nachdem eine Dunkelheit über die Welt gekommen ist, die alle Lebewesen, die sich zu lange in ihr aufhalten, in schreckliche Monster verwandelt, kämpfen die Geschwister Val und Emory ums Leben. Als Emory jedoch selbst infiziert wird, gehen sie auf ein dubioses Angebot ein: Angeblich haben Gus und seine Enkelin Bailey einen Weg, das Licht zurückzubringen…

Was mich von Anfang an fasziniert hat, ist die Kreativität, mit der das ungewöhnliche Setting umgesetzt wird. Durch die besondere Art von Apokalypse, die sich von den üblichen Zombie- oder Aliengeschichten abhebt, stellen sich die Charaktere hier ganz eigenen Problemen und Gefahren und besuchen interessante Orte wie eine Zuflucht, die nur dank ihrer festlichen Beleuchtung beim Stadtfest, das gerade beim Zusammenbruch stattfand, überleben konnte.

Wir lesen gleichzeitig die Gegenwart, in der sie verfolgt vom mysteriösen und grausamen Blacktop Bill auf der Suche nach dem heilenden Licht sind, und die Vergangenheit, die vom Leben der Geschwister vor und kurz nach dem Zusammenbruch erzählt. Dabei werden interessante Parallelen aufgespannt und wir lernen die Figuren besser kennen, die einem schnell ans Herz wachsen und die schon in wenigen Seiten überraschend stark ausdifferenziert werden.
Der Ausgleich zwischen den halsbrecherischen

Verfolgungsjagden und Kämpfen und den Enthüllungen über den Ursprung dieser Apokalypse und Hinweise auf die wahren Absichten von Blacktop Bill ist gut gelungen. Es bleibt spannend von der ersten bis zur letzten Seite und natürlich endet der erste Sammelband auch gerade so, dass mensch unbedingt weiterlesen muss.

Der Zeichenstil komplementiert die Handlung perfekt. Sowohl die Actionszenen, von denen es hier verdammt viele gibt, als auch die ruhigeren Momente kommen perfekt herüber. Das liegt unter anderem daran, dass die Gesichtsausdrücke der Charaktere ihre Emotionen wirklich widerspiegeln. Und auch, dass hier eine Person extra für die Farben verantwortlich ist, wirkt sich positiv auf das Leseerlebnis aus.

Februar 9

Trees 1 von Warren Ellis und Jason Howard

Der erste Sammelband von „Trees“ fasst die ersten acht 8 Hefte zusammen und verfolgt die Schicksale von Menschen an vier Orten: Einer chinesischen Sperrzone, die Freiheitssuchende anzieht, einer italienische Stadt voller FaschistInnen, einer Forschungseinrichtung in der Arktis und Somalia, dessen Präsident einen Militärschlag plant. All diese Schauplätze sind nur durch eine Gemeinsamkeit vereint: Sie befinden sich in direkter Nähe zu einem „Baum“, einer außerirdischen Lebensform, die jeglichen Kontakt zur Menschheit verweigert – Vorerst.

Dass so viele Handlungsstränge aufgegriffen werden, sorgt dafür, dass mensch direkt ins kalte Wasser geworfen und nur häppchenweise mit neuen Informationen versorgt wird. Auch wenn das anfangs für Verwirrung sorgt, wird mensch schnell in das Geschehen gezogen und fiebert mit den so unterschiedlichen ProtagonistInnen mit.

Wie genau diese Plots mit den Bäumen (und möglicherweise einander) in Verbindung stehen, ist nicht immer klar. Doch das hindert einen nicht daran, wissen zu wollen, wie es weitergeht.

Besonders interessant finde ich, wie anders die Außerirdischen hier im Gegensatz zu anderen Comics sind. Sie stellen zwar eine Gefahr dar, aber nicht, weil sie die Menschheit mit Waffengewalt besiegen wollen, sondern, weil sie die Welt auf unvorhergesehene Weise verändern und sogar indirekt Gewalttaten zwischen den Menschen verursachen.

Wer eine ungewöhnliche Science Fiction-Geschichte sucht, die sich mit verschiedenen menschlichen Schicksalen befasst und einen mit ihren Besonderheiten in den Bann zieht, der ist hier gut bedient.

Januar 21

Harleen Band 1 von Stjepan Sejic

Im ersten Band der neuen Kurzgeschichte um Harley Quinn, deren Vergangenheit hier beleuchtet wird, geht es um ihre ersten Begegnungen mit dem Joker und darum, wie sie angefangen hat, als Psychologin im Arkham Asylum zu arbeiten.

Dabei trifft sie neben „Mr. Jay“ persönlich auch andere Bösewichte aus dem Batman-Universum und sogar den Dunklen Ritter selbst. Sejic hat all diese altbekannten Charaktere mithilfe seiner beeindruckenden, detaillierten Zeichnungen mit einer ganz eigenen Note versehen, trotzdem bleiben sie leicht erkennbar und büßen nichts von ihrer ursprünglichen Persönlichkeit ein.

Auch, dass man Harvey Dent noch in seiner Rolle als Staatsanwalt kennenlernt und der Joker nicht aus der Sicht seines Erzfeindes, sondern seiner Psychologin und späteren Geliebten betrachtet wird, hat mir gut gefallen.

Harleens Motivationen sind ebenfalls gut nachvollziehbar. Obwohl man sie eher als verrückte Kriminelle kennt, ist sie hier ein sympathischer und sehr menschlicher Charakter, in den man sich gut einfühlen kann.

Nicht nur die Persönlichkeiten der Figuren haben mich beeindruckt, auch der Zeichenstil selbst, was einerseits an der bereits erwähnten Detailverliebtheit liegt, andererseits auch an der Komposition der Szenen, von denen ich besonders den Kampf im Nebel hervorheben möchte, der den Leser mit seiner albtraumhaften Szenerie sofort in den Bann zieht.

Dezember 19

The Crow: Ultimate Edition von James O’Barr

Die Ultimate Edition von „The Crow“ sammelt die komplette Originalgeschichte mit zusätzlichen Seiten, die ursprünglich enthalten hatten sein sollen, und erzählt die Geschichte von Eric Draven, der nach dem Mord an seiner Verlobten und sich von den Toten aufersteht, um Rache zu nehmen.

Begleitet wird diese Handlung von eindrucks- und stilvollen Zeichnungen, die auf der einen Seite im klassischen 80er-Stil daherkommen, auf der anderen aber auch zeitlos und heute noch beeindruckend sind. Vor allem der Kontrast zwischen der Vergangenheit, die immer wieder aufgegriffen wird, und der Gegenwart hat mir gefallen.

Besonders realistisch dargestellt sind auch die Beziehung zwischen Eric und Shelly, die lebensnah ausgebaut wird. Wenn man die Szenen liest, in denen sie noch zusammen glücklich sind, bekommt man das Gefühl, dass sie ein echtes Paar sein könnten.

Auch Eric alleine ist ein sehr menschlicher Charakter. Obwohl er ein unsterblicher Racheengel ist, ist es nicht schwierig, sich in ihn hineinzuversetzen. Das liegt auch daran, dass er nicht wahllos mordet, sondern seinem eigenen Kodex folgt und man als Leser in seine Gedanken und Albträume abtauchen und seine Handlungen so nachvollziehen kann.

Die Action kommt natürlich auch nicht zu kurz und wird gekonnt in Szene gesetzt. Dass The Crow schon einmal gestorben ist, nimmt ihnen nichts an Spannung und man fiebert alle fünf Bände lang mit.

September 24

Tank Girl Classic von Alan C. Martin und Jamie Hewlett

Nach Jahren habe ich mich endlich aufgerafft und Tank Girl Classic 1 bis 14 gelesen, um herauszufinden, warum diese Comicreihe als Klassiker gilt.

Also habe ich mich auf eine Reise in das ferne Australien begeben, in dem scheinbar eine ehemalige Soldatin, die ihren Job verloren hat, nachdem ein Auftrag gehörig schiefgelaufen ist, woraufhin sie mit ihrem Panzer abgehauen ist, und ihr Freund, der zufälligerweise ein mutiertes Känguru ist, ihr Unwesen treiben und dabei Abenteuer erleben, die mehr oder weniger Sinn ergeben.

Diese reichen von Kämpfen gegen andere Söldner oder sogar die Mafia bis zu Drogentrips und sonstigen Freizeitbeschäftigungen, die der bunten Truppe so einfallen. Eins ist aber sicher: Es wird verrückt, voller Anspielungen auf die damalige Politik und Popkultur und die vierte Wand wird konstant durchbrochen.

Diese Anspielungen sind aus heutiger Sicht allerdings auch eine Schwäche des Comics, weil eine jüngere Person, die nicht zur gleichen Zeit aufgewachsen ist als die Autoren, dadurch häufig verwirrt wird.

Insgesamt lohnt es sich aber definitiv, dieser Reihe eine Chance zu geben, denn mit dem Humor, der Action und dem markanten Zeichenstil, den Gorillaz-Fans leicht wiedererkennen, wird Tank Girl zu einem einzigartigen Comic-Erlebnis.

August 25

Spawn Origins 1 von Todd McFarlane

Im ersten Band von „Spawn Origins“ kann man, wie der Titel schon sagt, die Anfänge des Charakters Spawn miterleben. Zusammgefasst werden die ersten sechs Hefte der Serie, die ursprünglich 1992 erschienen sind und Spawn zu recht zu einem der beliebtesten Antihelden der Comic-Szene gemacht haben.

Wer diese Ausgabe liest, versteht auch gut, wie das zustande gekommen ist. Die Story um Al Simmons, der einen Deal mit einer außerweltlichen Kreatur eingeht, um von den Toten aufzuerstehen und seine Frau wiederzusehen, bietet allerhand Potential, denn er ist zwischen seinem alten und neuen Leben hin- und hergerissen und muss sich plötzlich ganz neuen Gefahren stellen.

Sowohl der detaillierte Zeichen- als auch der Schreibstil konnten mich überzeugen, wobei mich letzterer mit für einen Comic ausgeklügelten Beschreibungen und interessanten Dialogen überrascht hat.

Es werden auch einige ikonische Charaktere eingeführt, vom dämonischen Violator mit seiner unüblichen menschlichen Form bis zum desillusionierten Polizisten Sam Burke, der mich direkt an Bullock aus dem Batman-Universum erinnert hat. Da sich die Handlung bisher nur über sechs Bände erstreckt, wird deren Potential noch nicht voll ausgenutzt, aber schon jetzt bin ich gespannt darauf, wie sie sich weiterentwickeln und in welche Dramen sie sich hineinziehen lassen.

Die Story selbst ist rasant, spannend und actionreich. Bisher scheint das typische „Monster of the week“-Format stark durch, es werden aber Anspielungen auf zukünftige Konflikte gemacht, die darüber hinausgehen, allen voran die Konsequenzen, die der Einsatz von Spawns Kräften für ihn und das Schicksal der Welt haben könnte.

August 25

Tank Girl: Free Comic Book Day 2018 von Alan C. Martin

In dieser kleinen Eskapade aus dem Leben von Tank Girl geht es ausgerechnet um ihren Geburtstag, der allerdings ganz und gar nicht so läuft, wie sie sich ihn vorgestellt hat.

Ihre Freunde versuchen, sie aufzumuntern, indem sie sie an ein „großartiges“ Geschenk erinnern, das sie zu einem vorherigen Anlass bekommen hat, vor allem aber an ihren bisherigen Werdegang, wobei sie die vierte Wand das eine ums andere Mal durchbrechen und dem Leser damit die Chance geben, ihren Entwicklung als Comicfigur selbst Revue passieren zu lassen.

Durch diese gelungene Mischung aus einem Rückblick auf die echte Geschichte der Figur und der eigentlichen Story bietet dieser Comic ein interessantes Leseerlebnis.

Nicht zu vergessen: Der Zeichenstil. Er hat mich positiv überascht, weil ich bei einem Comic, der dafür erstellt wurde, gratis verbreitet zu werden, nicht gerade hohe Erwartungen hatte. Diese wurden aber allemal übertroffen, denn es gibt am Stil rein gar nichts auszusetzen – Ganz im Gegenteil.